Storytelling für Unternehmen:
Ein ungelöstes Problem?
Warum filmisches Storytelling für Unternehmen nicht (nur) nach den klassischen Storytelling-Regeln funktioniert.
von Jürg Steudler
Der Denkfehler
Wenn übers filmische Storytelling in der Unternehmenskommunikation gesprochen wird, werden häufig die Klassiker zitiert:
- die Heldenreise (à la Campbell, Vogler)
- die Storystruktur von Gustav Freytag
- der typische Hollywood-Spannungsbogen (gem. Syd Field)
Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Spielfilme funktionieren emotional, bleiben im Gedächtnis und erzeugen Identifikation. Warum sollte man diese Prinzipien also nicht einfach auf die Unternehmenskommunikation übertragen?
Ganz so einfach ist es nicht.
Wie die Erfahrung zeigt, ist eine 1:1‑Umsetzung selten möglich.
Die zentrale Frage, die Kopfzerbrechen bereitet: Wer ist eigentlich der Held?
Im klassischen Storytelling in Film oder Theater sind die Zutaten für eine Geschichte klar:
- Es gibt einen Helden
- ein Ziel
- Gegenspieler, Widerstände, Hürden
- und eine Transformation
Im Kontext von Unternehmenskommunikation wirft dieses Verständnis sogleich die Helden-Frage auf:
Ist das Unternehmen der Held?
Das wirkt schnell selbst-referenziell und etwas plump. Wie schafft man sowas elegant?
Ist ein Mitarbeiter der Held?
Ist er echt? Oder ein Schauspieler? Und arbeitet er morgen auch noch im Unternehmen?
Ist der Kunde der Held?
Dann wird das Unternehmen zum Helfer oder Mentor. Kann funktionieren. Aber passt das für jede Problemstellung?
Oder ist das Produkt die heldenhafte Lösung, um die sich die Geschichte dreht?
Je nachdem, wie man die Rolle besetzt, resp. aus wessen Blickwinkel die Story aufgebaut ist, entsteht eine komplett andere Erzählung und keine davon kommt ganz ohne Kunstgriffe aus; denn:
Das eigentliche Problem sind die Konflikte
Eine gute Geschichte braucht Reibung. Ohne Hindernisse gibt es keine Spannung. Ohne Spannung keine Veränderung. Ohne Veränderung keine Geschichte.
Und genau hier wird es für Unternehmen schwierig. Denn Unternehmenskommunikation verfolgt meist andere Ziele:
- Vertrauen aufbauen
- Reputation schützen
- Risiken vermeiden
- positive Bilder erzeugen
Konflikte, Zweifel oder Scheiternpassen nicht besonders gut in diese Logik. Also entstehen oft Geschichten, die oberflächlich bleiben und in denen nicht viel passiert. Zumindest keine tiefgreifende Transformation des Helden. Alles ist harmlos. Alles ist erfolgreich. Alles ist sauber inszeniert.
Nur fehlt häufig das, was eine Geschichte wirklich interessant macht.
Ein weiteres Spannungsfeld: Die Logik der Verbreitungsplattformen
Ein zweiter Punkt fällt auf, wenn man sich Kommunikation über verschiedene Kanäle hinweg anschaut. Viele Inhalte bestehen aus kurzen, visuell starken Momenten:
- ein inspirierendes Bild
- eine Szene aus einem Projekt
- ein Statement
- ein Produkt im Einsatz
Das funktioniert hervorragend für Aufmerksamkeit. Aber erzählt es eine Geschichte? Sind es nicht eher Fragmente, Momentaufnahmen, kleine narrative Versatzstücke? Vielleicht erzählen Marken heute weniger vollständige Geschichten – und eher eine Serie von Mini-Narrativen, die sich erst im Gesamtbild zu etwas Größerem verbinden (cross- und transmediales Storytelling).
Storytelling vs. Imagepflege
Eine weitere Unsicherheit ist immer latent vorhanden: Wenn Unternehmen von Storytelling sprechen – meinen sie wirklich Geschichten?
Oder meinen sie einfach die Techniken dahinter? Viele Inhalte, die heute als Storytelling bezeichnet werden, nutzen die vier Grundzutaten nur oberflächlich oder gar nicht. Im Kern sind sie eher:
- Statements
- Testimonials
- Produktinszenierungen
- Markenbilder
Alles legitim – aber nicht zwingend Geschichten, die durch «Storytelling» besser im Gehirn haften bleiben.
Was nun? Wie sollen wir damit umgehen?
Vielleicht sollten wir Storyteller uns öfters drei Aspekte in Erinnerung rufen:
- Mit Corporate Storytelling ist im Allgemeinen nicht das 1:1 Abbilden der Klassiker gemeint. Oft hilft es, schon nur einige der oben beschriebenen Techniken und Mechaniken einzusetzen um erfolgreicher mit seinen Stakeholdern zu kommunizieren und ihnen Mehrwert bieten zu können.
- Der Begriff Storytelling im unternehmerischen Kontext muss heute weiter gefasst werden. Imagefilme sind keine Theateraufführungen und TikTok-Videos keine Spielfilme. Mit den neuen Anwendungen und Plattformen sind Konzepter und Content Creators gefordert, ein abstrakteres, fragmentierteres, kürzeres Storytelling zu erfinden. Immer mit den Grundzutaten spielend, aber auch immer auf die Befindlichkeit der Auftraggeber abgestimmt und auf Situation, Plattform und Technologie angepasst.
- Bietet nicht genau das Projekt an dem wir jetzt gerade arbeiten die Möglichkeit auch schwierigere Elemente wie Gegenspieler, Widerstände und überraschende Wendungen einzubauen? Und vielleicht einen Helden, der eine Transformation durchläuft? Vielleicht braucht es einfach öfter mal eine Zusatzleistung, um mehr Tiefe und damit mehr Impact zu erreichen.
Die klassischen Modelle aus Film und Literatur bleiben ein gutes Vorbild. Sie zeigen, wie stark Geschichten wirken können. Aber Unternehmenskommunikation muss daraus eigene narrative Formen entwickeln – irgendwo zwischen Dramaturgie, Markenführung und der Realität von Organisationen.
Und genau deshalb lohnt es sich, weiter darüber nachzudenken.
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